Heimatsonett

Milena Ziefle, Oktober 2021
 
Durch die gassen stürzen turmalingrüne bäche 
säubern asphalt von längst verebbten kindertagen 
und die tauben an der tanke in ihrem betragen 
ahnen noch rein gar nichts von ihrem peche. 
 
Wo der froschteich im sommer einst beinah erstickte 
kleinen händen ein glibberiges freudenbad bot 
ein feldhasenschädel, verwest und durchlöchert von schrot 
den forscherdrang achtjähriger erquickte 
 
liegt nun leichtes mädchen zeit auf trockenen wiesen 
wo außer giersch nur blasse erinnerungen sprießen 
und man atmet mit pollen in der lunge 
 
ohne unmut und wach steigen wir nun in die welt 
und was allein uns dabei im innern zusammenhält 
salzige utopie auf der zunge. 

Rettungsboot

Milena Ziefle, September 2021

Einen kahn spinn' ich mir aus seidigen lettern
der bücher, die mich tragen
auf endlosem blau eine schwimmende festung
und stürme, die basstölpel jagen.

Unter dem rumpf gar zornige zungen
von seelen, die wallen und wollen und tollen
und bellen und beißen, mit salz in den lungen
zerschell'n an den planken; die alten, die jungen.

Papierne segel sind mein schild
ihr wortschmuck zeichnet mir den kurs
nur leim aus noemata hält mich noch zusammen
befeuert den durst, den ewigen durst.

Nackte sohlen auf altem wissen
einsam ist die hohe see
ich fahre allein und ich fahre weiter
ich bin der letzte kapitän.



craving

Milena Ziefle, August 2020
 
Ich lag
dein abbild
eingrviert
auf meinem innenlid.

Wandeltest weit
doch warst klar
vor mir
bis die nacht verschied.

Das schwarz flieht
vor dem tagesrot
kann mich nicht
länger laben

doch schmacht weilt kurz
ein wiedersehen
bald schon
heute abend.

Vergebung, Vergeltung, Vergessen

Milena Ziefle, Mai 2020

Mein herz lege ich in deinen Mund
verschlossen und verwahrt
krause küsse und worte, vernarrt
zu deinen rosa socken die knie wund

blonder engel im mittagswind
blauäugig wandelst du und mit blauen augen
gekränkt, getroffen, giftgetränkt
die zwei glasmurmeln sind blind

armes herz in knöchernem käfig
verkrampft, vernarbt von Mutters Zunge
gehe fort von dir erhobenen hauptes
jetzt mein schmerz, immer dein verlust.